Beiträge von Alanis Tatius

    "Hm", machte Alanis und rieb sich die sich in der Kälte rötende Nase. "Du denkst, dass er sich hinter mir versteckt? Mich vorschickt, damit er sich nicht mit sich selbst beschäftigen muss, während er gleichzeitig sein Ziel verfolgt, Dir zu helfen? Möglich."


    Die Geweihte hob die Schultern und wirkte ein wenig hilflos.


    "Oder vermutlich - sehr wahrscheinlich. Er benutzt Menschen gerne, weil sie viel zu leicht auf ihn hereinfallen. Entweder sie haben Angst vor ihm oder sie fühlen sich angezogen, weil sie es exotisch oder herausfordernd mögen. Beides sind Verhaltensweisen, die einen berechenbar machen. Einsetzbar."


    Ein schiefes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.


    "Vielleicht kann er nicht anders, weil er so erschaffen wurde und instinktiv Kämpfe scheut, die er nicht gewinnen kann. Das soll nicht heißen, dass es verzeihbar ist. Das musst Du wissen."

    Alanis Mund öffnete sich und schloss sich wieder mit einem hörbaren Klacken ihrer Zähne. Als die Tür aufschwang und die eisige Kälte in den Raum schoss, blinzelte sie, als sei sie von einer unsichtbaren Keule getroffen worden. Kaum war Melyanna über die Schwelle, war auch die Geweihte auf den Füßen. Sie war sich ziemlich sicher, dass es da eine Komponente in dieser Unterhaltung gegeben hatte, die sie übersehen hatte. Eifersucht? Deckmantel?


    "Melyanna", rief sie der Frau hinterher und beeilte sich aufzuschließen, was gar nicht so einfach war, da Alanis recht kurze Beine und ein nicht kleines Maß an Winterspeck besaß. "Du musst nicht gehen, wenn ich in irgendeiner Art und Weise ein Hindernis darstelle. Ein Wort und ich bin weg."


    Sie klang ernsthaft und aufrichtig, aber auch verwirrt.

    Alanis massierte ihre Nasenwurzel und seufzte. Ein Kopfschmerz baute sich hinter ihrer Stirn auf. Nicht, weil sie die aufflammende Diskussion anstrengend fand, sondern weil sie so gut verstand, worum es ging. Sie hob die Hand, in der Hoffnung, weitere Wutausbrüche verhindern zu können, war sich allerdings nicht sicher, ob sie es konnte.


    "Ich glaube es hilft nicht weiter, wenn Ihr beide so miteinander sprecht", warf sie vorsichtig ein. "Es ist sicherlich wahr, dass Personen, die ein ähnliches Schicksal teilen, sich gut einfühlen können. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Ihr beide Euch gerade gut tut."


    Sie räusperte sich.


    "Damit meine ich nicht, dass Ihr Euch trennen solltet. Aber ich glaube, Ihr solltet erst einmal klären, was Ihr als Personen voneinander wollt - oder nicht wollt, bevor Ihr es angeht, Euch gegenseitig zu helfen. Versteht Ihr, was ich meine?"


    Die Geweihte sah ruhig von Melyanna zu Vladim.

    Vladims Seitenblick war Alanis nicht entgangen, aber sie erwiderte ihn gelassen. Ob sie eifersüchtig war, konnte man ihren Augen nicht entnehmen, auch nicht ihrer Körperhaltung. Wohl aber, dass sie ihm wohlwollend gesonnen war und nichts gegen seine Art, die 'Dinge' anzupacken, einzuwenden hatte.


    "Ich verstehe -", hob sie dann sehr leise und klar an. "- dass Du Dir die Emotionslosigkeit wünschst, Melyanna. Du kannst es mir glauben oder auch nicht, aber ich bin sicher dass jedes Lebewesen in seinem Leben ein- oder mehrfach an den Punkt kommt, an dem es sich nichts mehr wünscht als taube Leere, die alles ausmerzt, was einen noch verletzen könnte. Aber auch wenn Du es gerade nicht fühlen kannst - wenn es irgendwo noch so etwas wie Hoffnung gibt, dann wirst Du sie niemals finden oder gar wertschätzen können, wenn Du Dich von Deinen Emotionen endgültig abwendest."


    Ein sanftes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.


    "Stillstand ist der Tod des Lebens. Wenn Du das wirklich wünschst, dann würde ich Dich niemals davon abhalten, das zu suchen."


    Ihr Blick wurde ernster.


    "Ich weiß nicht, ob das die Hilfe ist, von der Vladim erwartet, dass ich sie Dir gewähren würde. Wenn das so sein sollte -."


    Ihr Blick wanderte kurz zu dem Monsterjäger.


    "- dann tut es mir Leid, Vladim."


    Erneut sah sie Melyanna an.


    "Aber Du hättest dort draußen einen aussichtslosen Kampf suchen können. Ein scharfes Messer. Eine hohe Klippe. All das hast Du nicht getan, weil Du in diesem Mann etwas erkannt hast, das Du jetzt vielleicht noch nicht benennen kannst. Vielleicht einfach nur die Güte, Dich nicht als ein Monster zu behandeln, weil er sich selbst für eins hält. Vielleicht ist Eure Zusammensein auch nur der Versuch, noch einmal etwas zu fühlen. Sei es, was es ist, das musst Du wissen."

    Alanis lauschte aufmerksam. Den kleinen Becher mit dem Honigwein hielt sie eine Weile zwischen ihren schmalen Händen, drehte ihn hin und her. Alkohol, das wusste sie, war von jeher eine ihrer Schwächen gewesen und sie musste aufpassen, dass sie sich nicht wieder daran gewöhnte, den Schmerz und das Mitgefühl über das Gehörte mit dem tröstenden Effekt des Weins zu verbinden.


    Gerade der Teil der Erzählung, die sich mit Melyannas Eiern befasst, nahm die Geweihte sichtlich mit. Mehr als einmal schluckte sie schwer beim Gedanken daran, was man der Schlangenhexe angetan hatte. Sie gab sich wenig Mühe, ihre Gefühle zu verbergen, denn sie wußte, dass Vladim sehr gut in der Lage war, sie zu lesen.


    Nachdem Melyanna geendet hatte, schwieg Alanis für eine Weile und sah zwischen der Frau und dem Mann hin und her. Ihr Blick war sanft, vielleicht ein wenig melancholisch, aus Gründen, die sie allerdings für sich behielt.


    "Erst einmal", hob sie schließlich an und seufzte. "Möchte ich sagen, dass ich Deinen Verlust bedauere. Es mag Dir kein Trost sein, aber ich möchte es dennoch nicht unausgesprochen lassen."


    Nun nahm sie doch einen Schluck von dem Met.


    "Lass mich aus meiner Erfahrung sprechen, wenn Du gestattest. Vladim ist sehr gut darin, Weltbilder zum Schwanken zu bringen. Das ist tatsächlich weder gut noch schlecht. Er wirft mich immer wieder auf Fragen zurück, die ich mir bisher nicht gestellt oder erlaubt habe. Fragen, die ich für mich eigentlich schon beantwortet hatte und die nun wieder ins Licht des Tages treten."


    Ein kurzes Zögern, verbunden mit einem Blick in Richtung des Monsterjägers, der die Hoffnung ausdrückte, dass er ihre Worte nicht übel nahm. Dann konzentrierte sie sich wieder auf die anderen Frau.


    "Veränderung schmerzt, weil sie uns zwingt, etwas zurückzulassen. Und weil sie uns verwundbar macht im Angesicht einer Zukunft, die wir nicht kennen und die vielleicht noch viel mehr Schmerz bereit hält als den, mit dem wir umzugehen gelernt haben."


    Die grünen Augen der Geweihten waren voller Mitgefühl.


    "Ich weiß nicht, ob es das ist, was Dich beschäftigt. Dafür kenne ich Dich zu wenig. Aber vielleicht ist es etwas, über das Du nachdenken kannst - und wenn Du es dann für Dich verwirfst, kannst Du aufs Neue beginnen, Dich mit den Gründen für Deinen inneren Tumult zu befassen."

    Alanis schlug ein Bein über das andere.


    "Ich war noch niemals in Luxburg. Ich kenne lediglich die Erzählungen über glühende Steine, die vom Himmel fallen, uraltes Böses und die Tatsache, dass sich viele meiner Bekannten bemüßigt fühlen, dort regelmäßig hinzureisen, um sich halb umbringen oder traumatisieren zu lassen."


    Es war schwer zu sagen, ob ihr Tonfall traurig oder ironisch war. Vielleicht war er beides.


    "Was also sind die Shor na far?"

    Alanis hörte sich die Erläuterung aufmerksam an und nickte schließlich.


    "Darf ich also fragen, in welcher Art und Weise man sich Deiner Fähigkeiten bemächtigt hat - oder hast Du freiwillig gegeben, was Du konntest?"


    Sie hob zu einer weiteren Erläuterung an.


    "Denn wenn Du sagst, dass Dein Problem kein magisches ist - wie meinst Du das genau?"

    "Langsam, Vladim", lächelte Alanis und hob die Hand, um ihm zu bedeuten, die Dinge nicht zu überstürzen. Sie wusste, dass der Monsterjäger schnelle und pragmatische Ansätze bevorzugte.


    Dann wandte sie sich wieder der anderen Frau zu.


    "Es freut mich, Deine Bekanntschaft zu machen." Der Wechsel von der sehr höflichen, gestelzten Formulierung zu einem wirklich freundlichen 'Du' passierte ganz nebensächlich und ohne Ankündigung. "Die Heiligkeit des Todes ist ein gutes Credo, denn jeder Anfang braucht ein Ende, sonst würde diese Welt stillstehen oder im Nichts vergehen."


    Ihr Lächeln war kurz schmerzlich, so als würden ihre eigenen Worte an etwas rühren, das sie sehr bewegte.


    "Nun, eine Bocore ist meines Wissen nach eine Hexe, die alle Wege zu wählen weiß? Oder liege ich damit falsch?"

    "Nun-." Die Geweihte zog ihren Mantel aus und hängte ihn an den Haken neben der Tür. Die Selbstverständlichkeit ihrer Handlung ließ nur den Schluss übrig, dass sie sich in dem kleinen Haus bestens auskannte. Dann zog sie sich einen Stuhl heran. "Ich schlage vor, dass wir uns setzen und uns vorstellen - Ihr und ich." Ihre grünen Augen ruhten auf Melyannas Gesicht. "Denn ganz gleich, was Vladim so für richtig hält, müssen wir beide letztendlich entscheiden, ob wir dieses Gespräch führen sollten."


    Ihr Blick wanderte zu dem Monsterjäger hinüber und ihr Mundwinkel zuckte hoch.


    "Und Du solltest Dich auch setzen, Vladim. Steh da nicht rum wie ein Ringrichter beim Boxkampf, der die Einhaltung der Regeln überwacht."


    Sie ließ sich nieder, ihre grünen Wollröcke raschelten angenehm, den Geruch nach Lavendel und Seife verströmend, die sie der Kleidung in ihrer Truhe immer beilegte. Dann kehrte ihr Blick wieder zu Melyanna zurück.


    "Ich bin Alanis Tatius, Geweihte der Fünf Elemente und die hiesige Oberärztin des Krankenhauses. Mein Glaube steht für die Heiligkeit des Lebens und dessen Mannigfaltigkeit. Ich fürchte ich kann beim Thema Optimierung nicht viel beitragen, denn ich bin keine Magierin, die die Dinge nach Belieben umformen kann. Das überlasse ich den Fünfen. Wohl aber kann ich seelischen Beistand geben und den Rat zu dem ein oder anderen weltlichen Bereich."

    "Als Grund? Jemand könnte meine Hilfe gebrauchen. Das ist ein ziemlich guter Grund, sich schnell um etwas zu kümmern", gab Alanis zurück und runzelte leicht die Stirn, weil sie nicht unbedingt den Eindruck hatte, dass sie willkommen war. "Aber da er nicht von fehlenden Körperteilen redete, habe ich beschlossen, zumindest auszuschlafen, bevor ich komme", setzte sie dann freundlich hinzu.


    Ihr Blick glitt zu dem Monsterjäger hinüber und sie nickte ihm zu, deutlich entspannter als noch zuvor.


    "Hallo, Vladim. Guten Morgen."


    Sie nahm Melyanna kritisch in Augenschein und bemerkte die Anzeichen von Kälteeinwirkungen im Gesicht der Frau. In ihrem Kopf machte es irgendwo Klick - was man auch auf ihrem Gesicht sah - und sie beeilte sich, den beiden anderen ins Haus zu folgen.


    "Also, was kann ich tun?", fragte sie dann direkt und sah nur Melyanna an. "Kommunikation über Dritte ist immer schwierig, auch wenn sie meist das Beste wollen."

    "Das habe ich gesehen", gab Alanis freundlich zurück, doch der mörderische Gesichtsausdruck der anderen Frau war ihr nicht entgangen. Sie grübelte, wann sie Melyanna das letzte Mal gesehen hatte. Das musste Jahre her sein. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie jemals offiziell einander vorgestellt worden waren.


    "Ich störe ungern, aber Vladim hat mich hergebeten und ich dachte mir, dass wir die Sache so schnell wie möglich angehen sollten."


    Sie trat näher. Schnee knirschte unter ihren Schuhen und ihr Blick fiel eher beiläufig auf Haus und Garten, die von einer weißen Schicht von Frost überzogen waren. Irgendwas war seltsam und sie konnte nicht genau sagen, was es war.


    "Ich bin Alanis", erklärte sie dann, für den Fall, dass Melyanna sich nicht mehr an sie erinnerte.

    Alanis hatte sich an diesem Morgen eher zögerlich aus dem Bett begeben, aber die Pflichten im Hospital warteten nun einmal nicht. Nach dem Frühstück und der Sichtung der Patienten mit ihrer Stellvertreterin und einem Gebet an die Fünfe zog sich die Geweihte warm an - ein grünes, robustes Wollkleid, Mantel, Stiefel und Umhang mit Kapuze. Sie atmete tief durch - vielleicht ein wenig ängstlich und zögerlich, aber sie hatte schon ganz andere Dinge in ihrem Leben getan und würde sich nun von ihrem Versprechen nicht abbringen lassen.


    Der Morgen war zauberhaft schön, weiß berieselt durch Schnee und Frost und die kalte Luft auf dem Weg in den Wald hinein tat der Geweihten gut. Ihre Wangen und Nase leuchteten rot vor Kälte, als sie über den Trampelpfad schritt, vorsichtig, um nicht auszurutschen. Es war ruhig im Gehölz um das kleine Häuschen, doch als sie sich näherte, nahm Alanis Bewegung wahr und je näher sie kam, desto eher war sie sich sicher, dass es nicht Vladim war, der vor dem Haus seine Waffenübungen abhielt.


    Also blieb sie irgendwann stehen, als sie die Lichtung erreichte, auf der ihr Ziel auf sie wartete und betrachtete, was sich ihr für ein Bild bot.


    "Guten Morgen", sagte sie irgendwann, als das Schwert in der Luft stillstand. Sie war sich sicher, längst bemerkt worden zu sein.