Beiträge von Adrian Thule

    Kephram hatte ihn hart gemacht. Hart und gefühlslos. Doch in all den Tagen, Wochen, Monaten unten im Kerker ist diese Hülle zerbrochen. Und heute bereute er die Leben genommen zu haben und auch die Schlägereien und Erpressungen. Lesco bereute und als er seine Augen nach dem Gebet öffnete, rollte eine einzelne Träne seine Wange hinunter. Der Büßer wischte sie mit dem Ärmel weg und setzte dann seinen Gang fort.


    Nun, wo er sich selbst gefunden hatte, zollte sein Gang noch immer keine Eile. Der Anblick all dieser Sündenbeweise hatte etwas Beruhigendes. Er war nicht alleine. Wenn auch jede Sünde persönlich und individuell war, waren sie zugleich alle im Kern gleich. Sünde. Abkommen von Lukranis Wegen.


    Am Ende angekommen löste sich Lesco von der Wand und wendete sich den Ordensbrüdern zu und überbrückte die Distanz dorthin.

    Als die Beiden Wachen neben ihn traten, schnürte es ihm fast die Luft ein. Garde. Garde! ...! Nein. Doch Ordensbrüder. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Oder? Was passierte nun? Lesco fühlte sich so klein in diesem Moment.


    Stumm folgte Lesco dem Ordensbruder, doch kein Gedanke von dem, was vor ihm lag, deckte sich mit der Realität. Er hatte von den Werken der Sünder gehört, doch niemals hatte er sich dieses Ausmaß vorstellen können, das das hier annahm.


    Das Donnern des Stabes auf dem Steinboden durchbrach den ungläubigen Blick. Erst jetzt fiel ihm auf, dass hier nicht nur Mitglieder der Orden zugegen wahren. Besucher? Und alle blickten auf ihn. Sein Blick senkte sich, als könne er ihnen nicht in die Augen blicken.


    Die Kirche hatte seinen Teppich also als ersten Schritt akzeptiert. Nun war es an ihm zu handeln... Lukranis zu zeigen, dass seine Worte nicht nur leere Hüllen waren.


    "Danke", war das einizige, was er zu sagen hatte, nachdem er dem Ordenbruder, der ihn ansprach, ins Gesicht geblickt hatte. Dann sah er den Dreigespann einen Moment nach, ehe er seinen Blick doch auf die Besucher wendete und langsam auf die Wand zu schritt. Es war ihm unangenehm im Fokus zu stehen. In Kephram hatte dies nie etwas Gutes hervorgebracht, außer, wenn er im Grubenkampf seine Gegner schlug und am Ende als Gewinner da stand. Hier war er kein Kämpfer - zumindest nicht mit den Fäusten - und sein Gegner war einzig Lesco selbst. Doch er konnte auch hier einen Sieg erringen.


    Und so begann er seine Reise, vorbei an all den Sünden, die hier offen gelegt wurden. Oft blieb Lesco stehen und versuchte die Gegenstände zu interpretieren, versuchte die Wahrheit hinter dem ersten Eindruck zu entdecken. Dann plötzlich, blieb Lesco ein weiteres Mal stehen und streckte die Hand nach seinem Teppich aus. Da war sie nun, die Wahrheit, und jeder konnte sie sehen. Wie würden Andere seine Beichte interpretieren? Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Dann faltete er die Hände zum stillen Gebet.

    Unrasiert war der Eingesperrte. In all der Zeit ist der Bart gewachsen, ohne, dass Lesco den Dolch dazu genutzt hätte das Haar zu trimmen. War das Erleichterung in seinem Blick, als der Ordensbruder diese Worte sprach? Jedenfalls nickte Lesco stumm und nahm die Verfolgung des Mannes auf, nachdem er seine wenigen Sachen zusammengetragen hatte.

    Lescos Herz schlug schneller, als der Schlüssel sich im Schloss drehte und der Eingesperrte, sprang eilig auf, um sich hin zu stellen. Der Puls pochte erkennbar durch die Halsschlagader. War es endlich vorbei?


    Er stand da und schwieg. Nun fiel ihm auf, wie vorteilhaft die weiten Ärmel der Robe der Priester waren. Seine Hände wollten die selbe Haltung annehmen, aber das würde ohne die Ärmel eine Abwehrhaltung sein. Nevös spielte er mitd en Fingern, ehe er endlich die Hände hinter dem Rücken zusammen nahm. Kein Wort verließ seine Lippen, wusste er doch nicht, was man von ihn erwartete. Einzig schloss Lesco kurz seine Augen und nickte dem Fremden freundlich zu.

    Entscheidungen bergen immer Konsequenzen. Ursache und Wirkung sind untrennbar miteinander verbunden. Wer eine Kerze anzündet, muss damit rechnen einen Schatten zu werfen. Die folgenden Entscheidungen hatte Lesco schon lange getroffen, bevor er wusste, dass er sich überhaupt entscheiden musste; schon bevor er das erste Mal nach Kephram kam.


    Er saß an seinem Tisch in der Zelle. Der Besuch des Schattens war schon einige Zeit her. Wie lange? Uninteressant. Lesco verschenke keine Gedanken mehr an die Zeit, die er hier war. All jene Gedanken daran, wie lange er wohl noch hier sitzen würde, wären Quällerei und so akzeptierte er die schlichte Tatsache, dass er darauf keinen Einfluß haben würde. Das hier wird enden, sobald es eben endet, nicht früher und nicht später.


    Eshabs Dolch hielt Lesco in seiner Hand. Die Kette mit den Federn in der Anderen. Vergangenheit und mögliche Zukunft. 'Um ihr zu trotzden, muss man wissen, was sie liebt und was sie fürchtet.' Würde er es lernen, wenn er die Federn an das Tor anbringt? Würde er es lernen, wenn er es nicht täte? Sein Blick fiel von der Kette zum Messer. Es war ein Mahnmal; Kraftspender in der Zeit hier unten. Es wird auf ewig seine Erinnerung daran bleiben, dass es keinen Freispruch gibt. 'Kämpfe nicht für dich. Kämpfe für Andere, die du durch deine Bemühungen retten kannst. Das ist das Mindeste, was du tun kannst, Lesco.'


    Der Teppich lag vor ihm auf dem Tisch. Lesco hatte ihn heute Morgen nach dem Frühstück, den Worten des Schattens zu trotz, fertig gestellt. In den letzten Tagen hatte er Fäden, die er nicht brauchte gegen andere Farbe eingetauscht. Und auch, wenn er kein Künstler war, blickte er nun zufrieden auf sein Werk. Es sprach die Wahrheit; ungeschönt und wahr. Es zeigte seine Taten und symbolisierte seinen Wandel. Der Teppich war ein Versprechen, an Lesco selbst, an Medina, der Kirche und an Lukranis.


    Den Tag verbrachte Lesco mit Gedanken und Gebeten. Am Abend zum Essen, nahm er ddie Schüssel schweigend entgegen und überreichte, ohne ein Wort zu sagen den Teppich. Er hatte lange gebraucht, um ihn fertig zu stellen. Er hatte lange gebraucht, um sich der Bedeutung einer Entscheidung aus seiner Kindheit klar zu werden. Und wieder hieß es warten.

    Die Hände von Lesco reagierten mit antrainierten Reflexen und griffen nach dem vorschnellenden Arm des Wesens. Der Griff war fest, aber nicht so stark, wie er hätte sein müssen. Mangel an Schlaf und Nahrung sorgten für die Schwäche, die aktuell vorherrschte und dafür, dass Lesco zu langsam war. So kam sie, ohne großen Widerstand an die Kette.


    Überrascht von der folgenden Geste, ließ Lesco los und das Wesen machen, was es da eben so tat.


    "Was ist deine..."


    Weiter kam Lesco nicht. das Wort 'Sünde' verließ seine Lippen in diesem Moment nicht, umd ie Frage zu vollenden. Er erstarrte in seiner Bewegung und sank komplett aufs Bett zurück, um dem 'Wunsch' nachzukommen, ohne eine Wahl zu haben.

    "Das sind wir wohl Beide." Wieder zuckte Lesco mit den Schultern. Sein Blick blieb auf dem Schatten gerichtet, als er erneut die Arme hob. "Ich weiß nicht was du willst. Aber ja: Es machte in Kephram den Eindruck, als wolltest du mich im Licht sehen."


    Aufbruch. Vor einigen Wochen noch, hatte Lesco Nichts mehr, als den Wunsch selbst aufzubrechen und hier raus zu kommen. Sie kam näher und näher... und näher. Dieses Mal wirkte Lesco schon deutlich gefasster, was aber auch daran liegen könnte, dass sie weniger Aggression ausstrahlte. zwar spannte sich lesco an, doch er zeigte weniger Furcht, als beim letzten Mal.


    "An der Grenze zum Licht, wo die Konturen aufeinander treffen."


    Er atmete tief ein und war überrascht von dem Duft, der ihm in die Nase kroch. Seine Stimme war kaum zu hören, während er die Frage stellte, als sei sie ein Geheimnis und dürfte kein anderes Ohr, als das des Schatten treffen. Sofern die Gestallt überhaupt Ohren hatte.


    "Was bist du?"

    "Flexibilität...", wiederholte Lesco das eine Wort, das doch soviel aussagte.


    Dann war sie weg und alles was blieb, war ihre Stimme, die ihm wiedereinmal einen Vortrag hielt. Von der Chaoshexe Dinge annehmen? Niemals!


    "Ja... wer hätte schon ahnen können, dass ein Gefängnis auf mich wartet, wenn ich Beichte ablege und die Taten der Vergangenheit offenlege?"


    Seine Stimme hatte etwas zynisches angenommen und Lesco wanderte durch den Raum, bis er selbst das Bett erreichte und sich dort nieder ließ.


    "Wenn ich hier Eins wiklich gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass es schwarz und weiß sowieso nicht gibt. Das ganze Leben ist grau. Jede Entscheidung ändert bloß die Nuancen. Das, was ich tat, kann ich nicht ungeschehen machen. Aber... was ist mit dir? Hast du Angst vor Entscheidungen oder warum änderst du permanent deine Meinung. Erst weist du mir den Weg ins Licht von Lukranis und dann willst du mich, noch bevor ich ansatzweise dort bin, davon abbringen hinein zu treten."


    Lesco verschränkte die Arme und zuckte dann mit den Schultern.


    "Ich bin hier, weil ich die Entscheidung dazu getroffen haben... ich bin kein Hund mehr, der Anderen die Wahl lässt, was er tun soll. Dies hier ist meine Entscheidung, so wie das Kommende meine Wahl sein wird."


    Ihre Worte hatten Lesco zunächst verunsichert. Doch je weiter er sprach, desto entschlossener wurde er.


    "Wenn ich hier raus komme, werde ich andere Wege einschlagen. Das war es doch, was du wolltest, oder? Ich werde mir die Toten nicht verzeihen können und ich werde niemals Entlastung für meine Verbrechen finden. Aber das Leben wird deswegen nicht enden. Das was richtig ist, gerecht und wahr, kann trotzdem siegen. Wenn ich nicht für das kämpfe, woran ich glaube, kann für Andere alles verloren sein. Ich werde für Andere kämpfen, die durch mein Bemühungen vielleicht gerettet werden können. Das ist das Wenigste, was ich tun kann. Und, wenn der Weg dahin über Wandteppiche für ganze Paläste führt, werde ich sie verdammtnochmal knüpfen."


    Sein Traum hatte ihn eingeholt. Die Worte seines Bruder strömten durch seine Lippen, als seien sie seine Eigenen.

    "Hättest du mich das früher gefragt, wäre meine Antwort ganz klar ausgefallen: Nein."


    Der Gefangene zuckte mit den Schultern.


    "Heute glaube ich, dass der Wunsch Lukranis näher zu sein, nie geendet hat. In Kephram habe ich schlicht die Augen verschlossen und dieses Denken tief in mir eingegraben, damit es nicht verloren geht. Nun bin ich dabei mich ihm wieder zu nähern."


    Lesco lehnte sich an die Wand hinter ihm und verschränkte die Arme vor der Brust, während er schweigend über die beiden Vorschläge des Schattens nachdachte und sie abwog.


    "Oder..."


    Begann er dann wieder.


    "Du hast es dir schlicht andersüberlegt. Andererseits könnte das hier auch von anfang an der Plan gewesen sein. Bei Beiden Optionen stellt sich die eine Frage: Warum?"

    Lesco hielt zunächst die Augen geschlossen. Bildete er sich die Stimmen nur ein. Verfolgten seine Träume ihn jetzt auch schon am Tage? Er antwortete erst einmal nicht, sondern brachte seine Gedanken im Stillen zuende. War es wirklich der Schatten? Lesco drehte sich langsam um und erblickte die Gestallt.


    Sein Blick zeigte Überraschung, dass das Wesen da wirklich vor ihm saß. Aber auf der anderen Seite war Lesco froh, jemanden zu haben, der mit ihm sprach.


    "Handeln... ist aber nicht immer ganz so einfach..."


    Ein Seufzen folgte, dann öffnetens ich seine Lippen erneut. Dieses Mal waren seine Worte deutlich leiser, um keine Aufmerksamkeit von draußen zu erringen.


    "Ich dachte wir sehen uns erst wieder, wenn ich das Zeichen anbringe."


    So oder so ähnlich hätte ein Brief an Medina ausgesehen. Der Traum mit Eshab war nun wieder einige Tage her. Zeit in der Lesco angefangen hat den geknüpften Teppich wieder zu öffnen. Es war mühsame Arbeit, mühsamer als das Aufsammeln und sortieren. Und doch fühlte sich Lesco nicht schlecht dabei. Endlich war der letzte Faden gezogen. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Nun konnte er neu beginnen.


    Oft hatte Lesco in den Tagen den Dolch betrachtet. Er war eine Mahnung. Und er gab tatsächlich die Hilfe, die der Bewahrer versprach. Den ganzen Tag verbrachte Lesco damit das neue Muster in den Teppich zu knüpfen. Als er müde wurde, hatte er die Konturen des Bildes fertig gestellt. Ungeschönt, zeigte es Blut an Klingen und Fäusten; Zeichen für Morde und Verletzungen, die er Anderen zufügte. Die Symbolik sprach weiter von Drohungen und Lügen. Aber auch, von einem Wandel. Dieser eine Traum in der letzten Nacht, hat ihm einen Weg offenbart, den er für sich schon Jahre nicht mehr gesehen hat. Bevor Lesco schlafen ging, kniete er nieder und faltete die Hände zu einem Dreieck, durch das er auf den Boden blickte.


    "Nichts, was ich je tun werde, nachdem ich mich gegen Kephram und mein altes Leben entschieden habe, wird die Gräueltaten, die ich einmal in in Eshabs Namen begangen habe, wiedergutmachen. Tief in meiner Seele habe ich gewusst, dass es falsch war. Eine Stimme flehte mich an, endlich damit aufzuhören, aber ich sah keinen Ausweg. Ich war in meinem Denken gefangen und hatte nicht die Kraft, etwas zu ändern. Ich redete mir ein, dass diejenigen, denen ich Leid zufügte, es nicht anders verdient hätten. Ich wurde taub für Schmerz und Leid. Ich lernte, die Stimme auszuschalten, die mein Gewissen peinigte."


    Die Augen schlossen sich.


    "Ich bete für diejenigen, die durch meine Hand gestorben sind. Und ich bete für diejenigen, dennen ich wehgetan habe. Bitte, Lukranis, wache über ihre Seelen."

    "Meine Gefühle waren Alles, was du mir nicht nehmen konntest, Eshab.", raunte er leise. 'Ich... hatte sie nur sicher verwahrt' Dann fuhr Lesco herum, zu der zweiten Stimme. Seine Augen weiteten sich, als der Schatten über ihm auftauchte. Sein Puls raste wiedereinmal. Und plötzlich schreckte er auf, war wieder Alleine in der Kammer. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Noc immer fülte sich die Umgebung surreal an.


    Lescos Blick führte nach oben. Wie lange hatte er geschlafen? War es schon dunkel?

    Gerade als Lesco zusammenzuckte und herumfahren wollte, folgte der Tritt in den Rücken und er blieb mit dem Gesicht im Gras liegen. Schwer atmend blickte er auf. Medina war verschwunden und Lesco fuhr herum, um sich auf zu raffen. Eshab war tot. Wie konnte er sprechen? Lescos Hände hoben sich, bereit zum Kampf.


    "Das ist völliger Unsinn!", schrie er, noch ehe die Stimme mit ihren Monoog fertig war. "Lukranis ist gerecht! Er ist das Licht. Er lauert nicht, er schützt." Die Gedanken des jungen Lesco riefen diese Antwort hervor. Erinnerungen an alte Tage, die sich im Traum lösten.


    Sein Blick rasste zu der Schwarzen und fixierte sie.


    "Er verbrennt nicht, was sich nicht gegen das Leben stellt."


    Doch dann fiel der Blick auf seine Hände. Das Blut... das Leben, dass er genommen hat. Seine Augen schlossen sich.


    "Wenn er will, dass ich brenne... werde ich es tun."

    Lesco glaubte Blinzeln zu müssen, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Er war so lange im Dunkeln gewesen, dass sein Gehirn glaubte, es auch hier im Schlaf gewesen zu sein. ein Lächeln umspielte die Lippen des Mannes und als er Medina sah, wollte er die Hand heben, doch dann spürte er etwas Klebriges an ihr.


    Wieder war es da, das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Ohne es verhindern zu können, senkte Lesco den Blick und sah... was er nicht sehen wollte.


    Abwischen ging nicht. Jedes Mal, wenn er das tat, sah die Hand aus, als wäre sie gerade frisch getränkt. Und so lächelt er Medina bloß an. Nickte ihr zu. "Hey. Was denn für Igel, Schwesterlein?"

    Antwort. Wer hatte schon mit einer Antwort gerechnet? Lesco jedenfalls nicht. Er hatte nie das Gespräch zu Lukranis gesucht, um gesprochene Antworten zu erhalten. Weder heute, noch in seiner Kindheit. Damals brauchte er keinen Dialog, um seinem Gott nahe zu sein. Es reichte ihm, dass er zu Lukranis sprach.


    "Was willst du?" Die Worte seines Echos schnürrten ihm die Kehle zu, ohne, dass Lesco wusste warum. 'Was willst du?' Lesco taumelte ach hinten, weg von dem Oberlicht. Er ließ sich auf seinem Bett nieder. Er musste sich das seltsame Verhalten des Echos eingebildet haben. Genau. Er war sicher übermüdet. Oder wurde er langsam verrückt? 'Was willst du?' Auch, wenn Lesco sich nun hinlegte, war es nicht so, dass er ein Auge zumachen konnte. Immer und immer wieder, hörte er seine eigene Stimme. 'Was willst du? Was willst du? Was...'


    "Ruhe... ich will Ruhe... ich will... vergessen können... die Zeit zurück drehen und da anfangen, wo ich aufgehört habe... Ich... will vergessen, was ich getan habe... Ich... ... habe sie umgebracht... "


    Lesco fixierte die Decke. Er starrte schlicht nach oben. Der Bewahrer hatte Recht behalten: Er war nicht bereit für das, was hier passierte; nicht im Ansatz. Und ihm wurde langsam klar, dass er es auch nicht alleine überstehen konnte. Mit einem Ruck setzte sich Lesco auf und ging zu dem Tisch hinüber. Bar jedweder sichtbaren Emotion betrachtete er das Knüpfwerk. Es stellte ihn als Opfer dar, zeigte die Sichtweise, die er sich selbst auferlegt hatte. Doch... es war falsch. Sein Magen verkrampfte sich. Er hatte sich all die Jahre selbst angelogen, um vor sich zu rechtfertigen, was er getan hatte. Sein Leben war eine Lüge.


    Langsam erhob sich Lesco und trat zurück zum Oberlicht. Er sah hinauf zu dem tanzenden Staub und den Sonnenstrahlen. Wie ein Sack, fiel Lesco auf die Knie, ohne den Kopf sinken zu lassen.


    "Bitte Lukranis. Ich... ... weiß, dass du lange Nichts mehr von mir gehört hast. In den Jahren sind Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen. Ich habe zugelassen, dass ich... blind werde und... gefühlslos. Das... soll enden. Ich möchte neu anfangen... ... ich... möchte alles wieder gut machen. Und ich weiß, dass die Zeit.... schwer wird. Bitte... hilf mir dabei. Gib mir Kraft... ... ... und... beschütze meine Schwester, während ich hier bin. Ich... habe ihr Kummer bereitet. Wenn du mir deine Hilfe verwehrst... schenke wenigstens ihr Zuversicht... und die Kraft, die sie braucht. Sie... hat ein gutes Herz."


    Dann schloss er die Augen und blieb knien. Er nahm sich vor die Lüge zu verdrängen und die Wahrheit hinein zu lassen. Lesco nahm sich vor, den Weg, den er ging zu ändern.