Somnio aeterna_03

  • "...wieder nichts angerührt..."


    Alisha hob mit nachdenklicher Miene das Tablett auf, dass auf einem kleinen Beitisch unweit der staubbedeckten Treppe im Flur stand. Sie flüsterte aber die Sorge in ihrer Stimme war dennoch deutlich zu hören. Auf dem Tablett, unberührt und inzwischen wenig ansehnlich, stand Schinken und scheinbar bald wieder zum Leben erwachender Käse. Die Milch hielt sich zwar noch tapfer, doch verlor den Kampf um die Genießbarkeit bereits sichtlich.


    "Ist sie eigentlich überhaupt noch da oben?"


    Alishas blassgrauen Augen hinter den blonden Strähnen ruhen an der geschlossenen Eichenholztüre oberhalb der Treppe, die zum Dachstuhl führte, auch wenn die Worte der Frau neben ihr gelten. Maket Schultern heben sich als Antwort. Beiläufig wandern ihre Finger über das seidigschwarze Fell der kleinen Katze, die sie auf den Armen trägt.
    Alishas Stimme wurde ein wenig schriller.


    "Jemand muss doch mal mit ihr reden... sie irgendwie dazu bewegen... Ach... geh doch mal nachschauen, sie kann doch nicht die ganze Zeit..."


    "Das ist verboten...," Im Gegensatz zu Alisha wirkt Makets Stimme ruhig, sorgenfrei, bar von Emotionen. Ihre Aussage wirkt wie ein Befehl und lässt ihr Gegenüber kurz verstummen.
    Die Katze jedoch scheint genug zu haben. Sie entwindet sich den Armen und läuft erhobenem Schwanzes den langen Flur entlang. Mit einem kurzen Deut auf das Tablett, fährt Maket fort...


    "Schaff das in die Küche und kümmere dich lieber um die Arbeit."


    Alisha wirft ihrer Freundin einen grimmigen Blick zu und faucht leise: "Dir scheint es scheinbar egal zu sein, was mit ihr ist... manchmal du bist kälter als Eis." 
    Beleidigt und mit einem letzten Brummen wendet sich das blonde Mädchen samt Tablett ab und folgt der Katze in die Küche. Maket sieht ihr stumm hinter her. Ein Stirnrunzeln, dem leicht zusammengekniffene Augen folgen.


    "...ich hatte eine gute Lehrerin...," flüstert sie leise für sich, wendet ihren Kopf und die wieder ausdruckslosen Gesichtszüge in Richtung der geschlossenen Türe.


    "Keine all zu Gute..."


    Die Stimme kam aus einer kleinen Nische, wo ein hüfthoher Kerzenständer am Abend das nötige Licht im Flur verbreitet. Jetzt am Tag war er aus, die Kerzen wurden für die Nacht gespart.
    Eine schwarzgewandete Gestalt tritt aus dem Schatten und Maket, deren Blick wieder in Richtung Flur gewischt war, wundert sich einen Moment, wo sie gestanden haben soll. Die Nische bot nur Platz für den Kerzenhalter... niemals hatte dort... andererseits...


    "...Ihr macht euch rar Herrin... rarer als sonst." Sich auf ihr Gegenüber zu konzentrieren, half die wirren Gedankengänge abzuschütteln, die sich Makets kurz bemächtigt hatten. Ihr Gegenüber war stehengeblieben und wirkte wie ein lautloser großer schwarzer Fleck inmitten des Flurs. Nur die Katze, welche von ihrer Herrin Seele getauft worden war und die den Weg aus der Küche zurück gefunden hatte, mehr ihre tiefgrünen Augen boten ein paar Kontraste.


    "Ich weiß... Melancholie sollte nicht zu meinen Eigenschaften gehören... sie lenkt zu sehr ab. "


    Das müde Lächeln, das den Worten folgt war für Maket nicht zu erkennen, denn die Züge der dunklen Gestalt, liegen in der Dunkelheit einer Kapuze, die sie auf dem Kopf trägt, verborgen.


    "Ich fürchte, ihr müsst lernen mit der Trauer umzugehen Herrin. Ich sollte die Letzte sein, die euch an eure Aufgaben erinnern muss."


    Mit dieser Aussage nimmt sie sich viel heraus, Maket wußte dies aber sie kam nicht umhin sich einzugestehen, dass ihr Gegenüber in den letzten Monden weder durch ihre nötige Anwesenheit glänzte, noch anscheinende genug gegessen und geschlafen zu haben. Auch die zum Teil blutverkrusteten Kleidungsstücke und Mullbinden, die sie ohne Alishas Wissen nachts im Keller wusch und trocknete... liessen nichts Gutes erahnen.


    Als Antwort neigt sich die Kapuze ein wenig zur Seite. Schatten verlagern sich und irritieren Maket, weil sie scheinbar nicht den Gesetzen der Physik Folge leisten. Aber wie auch immer, das nun das folgende Donnerweter würde sie stoisch über sich ergehen lassen. Zorn war schließlich gegenüber der kranken Stille der letzten Zeit ein wesentlicher Fortschritt. Doch die Maßregelung bleibt aus.


    "Du tust es dennoch... und hast alles Recht dazu. Aber jetzt... geh deinen Aufgabe nach... Ich denke, wir bekommen bald interessante Gäste."


    Maket nickt und atmet leise aus. Ihr Gegenüber ist verschwunden, dabei hatte sie nicht einmal das Gefühl gezwinkert oder ihren Blick sonst wie abgewendet zu haben. Die Treppe hinter ihr liegt weiterhin unberührt unter einer zarten Decke aus Staub, doch durch das Schlüsselloch der Türe glimmt ein zaghaftes Licht durch die Dunkelheit. Jemand hatte eine Kerze entzündet und Maket entscheidet sich für ein Lächeln, als sie den orange-roten Schein wahrnimmt.


    Wie hiess es noch gleich? Ach ja...


    Niemand in Kephram versteht die Sprache der Tränen. Sie ist das Erste, das man verlernt, wenn man in Kephram lebt... sie ist das Letzte, was man spricht, wenn man in Kephram stirbt.



    ((danke Lesco für diesen schönen Satz))

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  • Fast angeekelt entlässt sie das schwarze Unterkleid aus dem schmalen Griff ihres Daumens und Zeigefingers. Als es neben der schwarzen Rüstung auf dem Boden aufkommt, hört man neben dem Rascheln von Kleidung, Spritzgeräusche einer Flüssigkeit auf dem Boden.


    Kahris freie Hand greift nach einer Schale mit frischen Mullbinden und presst eine auf die frische Schnittwunde an der Hüfte. Wie purpurfarbene Sterne breitet sich das Blut auf dem Teppich aus frisch gefallenem Schnee aus.


    Immer derselbe, gottverdammte Fehler, Vergesslichkeit, Nachsicht, Falle. Lernunfähig, müde…


    Etwas sticht wie ein Messer in der Wunde und erst die Pinzette gehalten von wütenden Händen lässt violett schimmernde Späne aus Amethyst erkennen. Kahri zieht sie heraus und flucht lautstark, nur um nicht vor Schmerz zu schreien. Neue Sauerei entsteht... die alte ist gerade mal auf dem Boden eingetrocknet.


    Wie viele Monde war es jetzt ruhig gewesen, drei, vier? Gemäß ihrer Aufgabe hatte sie sich auf den Dreck in den Straßen konzentriert, doch vor allem auf den Dreck, der anderem etwas antun wollte. Sich auf Abschaum zu konzentrieren, hieß sich nicht auf sich selbst und ihr Leben konzentrieren zu müssen… das hatte noch nie gut funktioniert, weder früher noch jetzt…die Götter verdammten immer wieder kehrende gleiche Fehler.


    Sie hatte sich in den Schatten aufgehalten, im Dunkeln gelauert, auf den Dächern der Häuser... Mitgliedern einer kleinen Bande von Dieben und Schlägern aufgelauert, die gerade begannen sich einen Namen in Kephram machen zu wollen.


    Der Angriff erfolgte von hinten... wie immer. Lautlos, präzise, mit der spielerischen Leichtigkeit. Wenn man bedachte, dass sie nie einen Plan machten, keine Strategie, außer den Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten… dennoch mit irrationaler Perfektion töten konnten… da überlegte man sich doch, was die anderen Götter abgesehen von Shar so den ganzen Tag oder besser die ganze Nacht taten.


    Nur Ko'ril hatte verhindert, dass man ihr den Kopf von den Schultern trennte. Der Schatten hatte sich zwischen sie und das Chakra aus schwarzen Metall und brüchigem Amethyst geworfen und dabei die Klinge so abgelenkt, dass sie letztlich nur Kahris Hüfte getroffen hatte.


    Ko’ril ließ sie zurück und stürzte sich auf den Mönch, kaum, dass dieser in die Schatten flüchten wollte, aus denen er heraus morden wollte. Vielleicht spürte er dank der Macht seiner Göttin, dass er sich damit kein Versteck geschaffen hatte, denn Ko’ril war das Schattengewebe in das sein Gegenüber nur eintauchen wollte. Aus dem Jäger wurde in nur wenigen Wimpernschlägen ein Gejagter und Ko’ril würde erst dann aufhören, wenn von seiner Beute nicht mehr blieb, als ein über das gesamte Stadtviertel verteilter Haufen Fleisch.


    Seither hatte er sich nicht mehr gemeldet, war nicht zu ihr zurückgekehrt. Manchmal, wenn der Schatten zu viele zu tiefe Wunden erlitt, verschwand er in das Schattengewebe, damit sich seine Verwundungen nicht auf Kahri übertrugen. Jede Bindung hatte seine Vor- und Nachteile und zweimal hatte sich Kahri schon einem der Nachteile dieser Richtung aussetzen müssen und war somit mehr als nur sicher, dass Amethystsplitter in ihrer Hüfte die bevorzugte Wahl waren.


    Der Schein der kleinen Kerze auf dem Tisch fiel auf einen winzigen Anhänger in Form einer silbernen Katze, die aufrecht und stolz in eine Richtung blickte, in der kein Ziel … außer Dunkelheit auszumachen war.


    „Wie furchtbar langweilig… Schicksal… komm überrasch mich mal. Krächz doch mal, anstatt zu miauen.“


    Sie knurrte leise in die Leere des dunklen Zimmers und der Wink mit dem Handrücken beförderte die Kette außerhalb ihrer Sichtweite, zwischen die Dielen. Nur ein paar silberne Glieder der Kette, an der der Anhänger gehangen hatte, blieben zu sehen. Kahri trampelte achtlos darüber, als sie zum Waschtisch ging, um sich ihr Blut von der Haut zu rubbeln.

  • An einem Wintertag...


    Der Gegenstand schlingerte ein wenig in Luft und knallte dann mit einem zerberstenden Geräusch an eine Wand, wo er in hunderte Scherben zersprang und sich dann auf dem Fussboden verteilte.


    Kahri hatte sich dem winzigen Dachgiebelfenster zugewendet und krallte ihre Hände in das leere Fensterbrett. Ihr wutentbrannter Blick verlor sich in die Ferne.


    Diese ganze Gefühlsduselei, Liebe... Menschlichkeit, Gefühle, Vertrauen, Freundschaft... aus all diesen Emotionen entstand nur Schwäche. Manche davon konnte man sich temporär durchaus leisten aber niemals vergessen, dass sie einen am Ende nur krank und angreifbar machten.


    Kein Wunder, das so viele an ihnen krepierte, an der Liebe, an der Hoffnung... an Sehnsüchten. Sie konnte Enya ihre Schwäche nicht einmal verdenken... in diesem Spiel konnte man nur verlieren, besonders wenn man die undankbare Aufgabe hatte, jemanden, der kein Mensch war zu einem zu machen. So gut wie unlösbare Aufgaben... erforderten eisernen Willen, Pflichtgefühl oder eine so übermäßige Reue das nichts und niemand und vor allem nicht Schwächen wie Gefühle einen vom Weg abbringen konnten oder einem gar am Ende vermittelten... es aufgrund der eigenen menschlichen Schwäche nicht zu können... oder verloren zu haben.


    Allein Enyas sogenannte Analyse ihrer Selbst, hatte sie innerlich so dermaßen in Rage versetzt, dass sie nicht große Unlust gehabt hatte, diesem zierlichen Wesen vor ihr mit ihrem Messer an die Kehle zu gehen, scheiss auf den Zustand einer gewissen...zumutbaren Zuneigung, die sie ihr gegenüber empfand.


    Was sie glaubte zu sehen und zu wissen, war doch nicht mehr als eine Projektion ihrer eigenen Schwächen und so war es fast zwangsläufig, dass sie glaubte eine geeignete Möglichkeit gefunden zu haben, ihr Versagen auf sie abzuwiegeln... was fiel ihr ein?!


    Doch der Versuch einen Berglöwen mit einem Stück Möhre zu befrieden war genauso aussichtlos, wie Kahri die Aufgabe der Göttin der Zeit in die Hand zu legen, sich um Irushs Gefühlswelt zu kümmern... Ihm moralische Werte beizubringen, ihn an die Ethik des Lebens zu erinnern, an das Gleichgewicht, an Vertrauen, Zuneigung und Liebe.


    Ein unwilliges Schaudern durchfuhr Kahris Leib und sie knurrte leise vor Wut auf. All diese Gefühle hatten nur zu einem geführt... Wahnsinn, Schmerz und den Tod. Sie standen jeder logischen Entscheidung und jedem Plan entgegen... sie liessen Entscheidungen zu, die zum Wohle eines Einzelnen dienten und nicht dem vieler. Diese Art von Gefühlen waren es gewesen, die eine ganze Stadt in den Krieg geschickt hatten, nur um ihrer Liebe willen zu einem Mann. Das hatte Kahri abgestellt... schon vor langer Zeit und sehr erfolgreich.


    Wirklich wütend jedoch war sie weder über Enyas angebliche Schwäche und ihren Gedanken an die Aufgabe... des von ihrer Göttin bestimmten Schicksals... sondern darüber, das es wohl irgendwann, irgendwo einen Moment gegeben hatte, der weder privat genug war, noch zu einhunderprozent von Kahri kontrolliert gewesen war... und den Enya mitbekommen hatte... weswegen sie nun behauptete... und mehr als eine Behauptung war es nicht... Kahri würde Liebe empfinden... ein Gefühl, das man nicht nur sehen konnte, sondern spüren... und alle Gegenreden würden nicht helfen... um diese Einsicht auszuradieren.


    ... scher dich in den Abyss Dargaresin... vielleicht findest du dort das, was du glaubst in mir sehen und fühlen zu können... ich bin mir sicher es ist dort unten irgendwo und würfelt mit dem Wahnsinn und der Schwäche um einen wenig Freigang...

  • Der Winter war in Kephram eingezogen wie eine lautlose gefrässige Bestie, die in den Häusern und Straßen nach Wärme suchte und sie erbarmungslos fraß. Sie streifte hungrig über die Pfützen und den Dreck, über Fenster und Türen, über die bettelnden Obdachlosen und die leichtbekleideten Huren.


    Alles war bedeckt mit einer dünnen schmutzigen Schicht Schnee und unter ihr verborgen und wartend, Unrat und Dreck... das wirkliche Kephram.


    In der kleinen Feuerstelle am Rande des Innenhofs brannten leidlich mehrere Scheite Holz und wehrten sich tapfer gegen die klirrende Kälte. Das Halbdunkel des gehenden Tages tauchte gemeinsam mit dem Flammenschein den halbwegs sauberen Schnee in ein glitzerndes Meer aus gefrorenen Kristallen.


    Kahri stand, gehüllt in ihren schwarzen Wintermantel an der Feuerstelle und mied den direkten Blickkontakt in die Flammen. Im Winter stellten sich ihre empfindlichen Augen, einmal mehr auf die Dunkelheit ein, so dass jeder Blick in eine Lichtquelle schon fast schmerzhaft war. Sie rieb sich mit mürrischem Gesichtsausdruck die Hände über den Flammen und ignorierte wie sinnlos das war.


    Aus der Teestube drang der gedämpfte Lärm einiger Gäste und mischte sich in das Harfenspiel ihrer Zöglinge. Die Türe hinter Kahri führte ins Innere der Taverne, eine zweite daneben in die Küche. Die dritte allerdings, ihr gegenüber gehörte einem kleinen abgetrennten Bereich, den Kahri irgendwann als Gästezimmer gewinnen wollte... jetzt beherbergte die kleine Dachkammer, die über eine Stiege zu erreichen war, jemanden, für den das Wort Gast wohl nicht wirklich eine treffende Bezeichnung war.
    Hinter dem runden Buntglasfenster war flackerndes Licht zu sehen. Kahri konnte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob dass, was zurückgekehrt war, dass, was sie gefunden hatten und mit anfänglicher Erpressung und später mit mantraartiger Überzeugungsarbeit zum Bleiben überredet hatten, noch ein Jemand und nicht ein Etwas war.


    Kahri seufzte leise und machte innerlich erneut einen Strich in der Liste. Eine zugegeben beschissene Liste voller beschissener Entscheidungen, die sie jedoch alle samt zu dem gemacht hatten, was sie heute war...

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  • Nach einiger Zeit verlischt das Kerzenlicht hinter dem Fenster. Es dauert noch eine ganze Weile, dann kommt Kyeel die Stiege herunter. Seine Kleidung hat schon mal bessere Tage gesehen und scheint nur noch aus vielen Lagen aus grauen und schwarzen Stoffen zu bestehen. Seine Hände stecken in Stoffwickeln und an den Fingern sind immer noch Farbreste zu erkennen. Als das Licht der Feuerstelle auf sein Gesicht fällt zuckt er kurz zurück, zieht einen Fetzen Stoff der um seinen Kopf gebunden ist über sein rechtes Auge, und zieht eine weite Gugel über. Dann betritt er den Hof...


    Kyeel lässt seinen Blick blinzelnd über den Hof wandern und lässt den Anblick auf sich wirken. Er war nun schon eine Weile in Kephram, konnte sich aber immer noch nicht an dem Anblick sattsehen. Nicht das es das erste mal war, dass er diese spezielle Mischung aus fremden Elend, Dreck und Verborgenem sah, aber hier war es irgendwie… anders. Fast so, als ob Kephram eine Art Destillat dieser Elemente darstellte. Das alles war äußerst inspirierend und dabei hatte er bisher noch kaum etwas von dieser Stadt gesehen…


    Doch, so faszinierend dies alles auch war, Kyeel erinnert sich schnell an eine der großen Regeln für Orte dieser Art. Bevor er zu viel Aufmerksamkeit erregt geht er weiter über den leise knirschenden Schnee in Richtung Teestube und lässt seinen Blick dabei suchend herumwandern.

  • Die Außenwände des Gebäudes, dass in seinem Innern die Teestube betreibt, besteht aus schmutzig weißem Stein und bietet selbst im Halbdunkel einen ausreichenden Kontrast, dass sich Kahri vom Rest der Umgebung abhebt.


    Sie hatte die großzügige Kapuze ihres Mantels über den Kopf geschlagen und verbarg so ihre Gesichtszüge, was anhand des kleinen Feuers vor ihr, eigentlich eine Unmöglichkeit darstellte. Vermutlich aber warfen die hellen Wände und der Schnee seltsame Reflektionen. Eine kleine Dunstwolke entsteht, wann immer sie ausatmet.


    Als Kyell die Kammer verlässt und in den Innenhof tritt, senkt sie ihre Hände und verschränkt sie vor ihrem Körper. Dann neigt sie ihren Kopf ein wenig zur Seite und verrät den Hauch von Neugierde, der sie immer umgibt.


    Sie lässt Kyell gewähren, ohne ihn vorerst anzusprechen. Obwohl er gefestigter wirkte, als noch vor ein paar Wochen, verbleibt in ihr das Gefühl, einen unsteten Geist vor sich zu haben, manchmal dem Wahnsinn näher, als einem ordentlich arbeitenden Verstand. Sie kannte diese Gemütslage von sich selbst und hatte es gehasst, wenn ihre Meisterin sie wie ein kleines Kind behandelte, dass auf den rechten Weg zurückgeführt werden musste...


    Besonders wenn der Weg, einer war, der vom Tod wegführte... in unebenes Gelände.

  • Langsam und mit gesenktem Kopf betritt Kyeel die Teestube und lässt seinen Blick umherschweifen. Er blinzelt in das Halbdunkel und versucht jemanden zu erkennen. Verdammt, er musste dringend etwas wegen dem Auge unternehmen…


    Was sollte er nur machen wenn keiner der beiden hier war? Er hatte zwar irgendwie den Eindruck einige der Gäste und der Bediensteten zu kennen, aber das reichte ihm noch nicht, um hier alleine auf einen Tee zu bleiben. Außerdem konnte Ihn der Eindruck im Moment auch täuschen und die Menschen in dieser Stadt waren ein ganz eigener Schlag. So wie es ihm immer noch ging wollte er noch keinen Ärger. Nicht das er Angst hatte, dass ihm etwas passieren könnte. Das Risiko für die anderen wäre zu groß…


    Aber zurück in die Kammer wollte er auch nicht! Die Ruhe tat gut, aber er fühlte sich darin langsam wie in einem Vogelkäfig. Er musste raus und wieder in das Leben zurückfinden, wieder unter normale Menschen finden. Obwohl… wo sollte man die hier finden, oder auch nur mit der Suche nach Normalität beginnen?


    Und um alleine durch die Gassen und Straßen zu ziehen fühlte er sich noch nicht bereit. Die Verwirrung und das Chaos in seinem Kopf konnte jederzeit zurückkehren und er wollte nicht den unstabilen geistigen Grund den er gefunden hatte wieder zu zerstören.


    Gerade als Kyeel sich frustriert wieder zum gehen wenden will fällt sein Blick auf die Gestalt mit den verschränkten Armen die an der Wand lehnt. Ein Lächeln umspielt Kyeels blasse Lippen als er die Kapuze abstreift, sich aufrichtet und langsam zu ihr herübergeht. Als er nur noch zwei Schritte entfernt ist und sich sicher ist die richtige Gestalt gefunden zu haben spricht er mit dem typischen dargaresischen Akzent „… einen schönen guten Abend, Kahri.“

  • Hinter Kyell an der Eingangstüre erscheint Alishas Gesicht. Für einen Moment wirkt sie irritiert, dann aber nickt sie schweigend und schließt die Türe zur Teestube wieder, so dass Kyeel und Kahri allein im Innenhof zurückbleiben. Erst als die Türe ins Schloss gefallen war, reagiert Kahri.


    Sie bewegt ihren Kopf wieder aufrecht und im gleichen Moment konnte man ihre Züge sehen. Seinen Gruß erwidert sie mit einem knappen Lächeln.


    "Rastlos?"

  • "Natürlich. Wie könnte man das an diesem Ort nicht sein?" Er breitet die Arme aus deutet mit einer wagen Geste auf den Hof und die Gebäude ringsherum.


    "Ausserdem..." Kyeel schaut kurz auf die Farbflecken an seinen Händen "... war ich nie besonders gut darin lange an meinen Bildern zu sitzen. Es scheint so das ich immer wieder neue Reize und... Inspiration benötige..."


    Er verschränkt die Arme vor der Brust und richtet seinen Blick wieder auf Kahri.


    "Und du? Wartest du auf jemand oder etwas bestimmtes?"

  • Sie schüttelt kurz ihren Kopf.
    "Ich bin nicht der geselligste... Mensch," und deutet dann in Richtung Teestube. "Größere Ansammlungen von Leuten, lassen mich manchmal unangemessen reagieren."


    Dann huschte so etwas wie ein verschmitztes Grinsen über ihre sonst so ernsthaften Züge. Eine Ausnahme, die so schnell wieder verschwand, wie sie gekommen war.


    "Du hast nicht ausgesehen, als würdest du dein Ziel kennen... ist es jedoch Hunger, der dich treibt, kann dir Alisha gewiss etwas zubereiten... ist dein Hunger anderer Natur," sie lächelte wieder, diesmal mit einer gewissen Bösartigkeit in ihren Zügen,"müssen wir uns anderweitig orientieren."

  • Kyeel kann sich ein Lächeln seinerseits nicht verkneifen.
    "Gut geraten. Es ist schon ein anderer Hunger der mich treibt... allerdings bin ich mir nicht ganz sicher welchen du meinst..."


    Er schaut kurz in den dunklen Himmel hinauf und dann wieder zurück zu Kahri und in seinen Augen ist soetwas wie ein funkeln zu erkennen als er den Kopf leicht schief legt
    "Ich muss langsam mal wieder raus, irgendetwas... tun! Seitdem ich... die Nebel verlassen habe, habe ich mich immer wie eingefangen gefühlt." Seine Hand greift kurz zu dem Stück Stoff vor seinem Auge "Ausserdem kann ich mit dem Auge immer noch nicht richtig sehe wenn es zu schnell zu hell wird, und das wird bestimmt nicht besser, wenn ich Tag für Tag in einer Kammer sitze und male als ob morgen Nochsemar niederbrennt..."


    Kyeel legt den Kopf auf die andere Seite und zeigt dabei ein irgendwie schelmisches Lächeln.
    "Du lebst doch hier. Was könnten zwei irgendwie..." er macht dabei eine vage fragende Handbewegung "...menschenscheue... Gestalten wie wir beiden in einer Nacht wie dieser tun um..." er hält noch mal inne als müsste er nach dem richtigen Wort suchen "... den Hunger nach Inspiration zu stillen?"

  • Kahri fixiert einen Moment lang die Stelle unter dem Tuch, an der sie Kyeels Auge vermutete. Dann schüttelt sie ein wenig den Kopf, schweigt aber dazu.


    "Ich hatte, was den Hunger angeht, auch an die Suche nach Inspiration gedacht," und sofern Kyeel seine Kunstrichtung nicht dramatisch geändert hatte - Kahri hatte vermieden, in die Privatsphäre der Dachkammer einzudringen - war Kephram bei Nacht genau die richtige Nahrung.


    "Wir könnten ein wenig in den Straßen herumstreifen," schlägt sie dann vor und lässt ihren Blick wieder entlang des Feuerkorbes wandern. "Der Winter ist kalt und schneidet scharfe Kontraste in unser schönes Stadtviertel."


    Ihr Blick richtet sich auf das runde Fenster der Dachkammer, beiden gegenüber.


    "Wir können auch Dinge kaufen, nach denen es dich verlangt...," und nach einem Moment Pause fügt sie an, "Kephrams Oberfläche mag nicht danach aussehen aber wenn man nur ein wenig an der Fassade kratzt ist alles zu bekommen."

  • Kyeel hebt skeptisch eine Augenbraue "Alles?" Dann verdreht er die Augen gespielt nach oben als müsste er nachdenken. "Es gibt da tatsächlich etwas das ich brauche... außerdem bin ich schon lange gespannt wie der Rest der Stadt aussieht."


    Er macht eine kurze Pause und lässt seinen Blick über die umliegenden Häuser und in den dunklen Himmel gleiten als würde er dort nach etwas suchen. Sein Blick scheint in die Ferne zu gehen, aber nach einigen Sekunden schüttelt er kurz den Kopf, wie um einen Tagtraum zu vertreiben, und wendet sich wieder Kahri zu.


    "Es mag zwar wenig exotisch wirken, aber ich brauche für ein Bild das mich schon eine ganze Weile heimsucht noch ein paar Dinge. Leinenstoff für den Rahmen, Blei- Schwefel- und feines Eisenpulver für die Farben und einige kleine Schmucksteine. Die müssen nicht wertvoll sein, alles was klitzert wie Glas oder sowas würde schon reichen."


    Er macht eine kurze Pause und fügt dann hinzu "Das würde für dieses Bild reichen. Für die anderen Ideen die ich noch habe... dafür wende ich mich nochmal an dich wenn es soweit ist..."


    Kyeel korrigiert noch einmal den Sitz der provisorischen Augenklappe "Und was die Inspiration angeht... überlasse ich das Feld ganz der örtlichen Künstlerin."

  • Nun war es an Kahri ihre Augenbraue zu heben. Keine der von Kyeel genannten Zutaten schien ihr schwer zu beschaffen oder gar abwegig. Dann nickt sie.


    "Die Dinge, die du nennst sollten ohne Schwierigkeiten zu beschaffen sein, da gibt es jemanden hier in Kephram," einen kurzen Moment hielt sie inne, dann fügt Kahri noch an," also falls sie noch lebt."


    Kahri schüttelt die klamme Feuchtigkeit aus ihrem Mantel und wendet sich dann der Türe zu, die in die Küche der Teestube führt. Es scheint als meide sie absichtlich den Schankraum, vielmehr die Geräuschkulisse in ihm.


    "Das Leinen bekommen wir beim Lumpensammler... lass dich durch seinen Titel nicht abschrecken, wenn er in den GAssen herumstreunt ist das letzte, dass er tatsächlich sammelt, Kleidung, die keiner mehr tragen will."


    Wieder huscht ein Grinsen über ihre Lippen, dann macht sie eine einladende Geste, ihr durch die Türe zu folgen.

  • Kyeel verneigt sich übertrieben höflich und folgt Kahri durch die Tür.


    Endlich eine Gelegenheit die Stadt kennenzulernen. Zwar waren Namen wie "Lumpensammler" wenig einladend, aber er hatte nach den Dingen gefragt und die Auswahl traf Kahri.


    Allerdings schien sie Kyeel ein wenig... enttäuscht zu sein ob der Banalität der Sachen die er braucht. Aber die exotischen Sachen würden schon noch kommen. Alleine die Planung für die Bilder die noch kommen sollten würde interessant werden. Viele der Farben die er verwenden wollte gab es so garnicht... nicht in dieser Zusammensetzung. Und dann mussten noch die anderen Dinge geklärt werde wie die Darstellung, der Ort wo er alles gefahrlos herstellen konnte und auch jemanden zu finden der für die Bilder Model stehen würde...


    Aber zuerst die einfachen Dinge. Ein oder zwei Bilder mussten noch gemacht werden die ihm auf der Seele lagen und die er aus seinem Kopf bekommen musst...


    Kyeel bleibt kurz stehen als ihm ein Detail an Kahris Schilderung auffällt "Was meinst du mit... falls sie noch lebt? Warum sollte es bei der betreffenden Person fraglich sein?"

    Ich entschuldige mich nicht für Kunst!

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  • Kahri hält inne und sieht über die Schulter zu Kyeel zurück. "Weil sie eine Giftmischerin ist und die haben allgemein einen schwierigen Stand, Stadtviertel unabhängig."


    Hinter den Beiden fällt die Türe ins Schloss und sie werden von den Gerüchen in der Küche eingehüllt. Exotische Teearomen, Tabak und der in Kephram eher seltene Geruch warmer Mahlzeiten.


    Kahri verschwindet kurz hinter einer weiteren Türe, die wie Kyeel bereits weiß, in ein Aufenthaltszimmer mündet, an das sich die privaten Räumlichkeiten von Kahri angrenzen.


    Irush, sie und er hatten einige Male in dem Zimmer zusammengesessen aber auch dort schwierige Themen gemieden. Was sich hinter der Türe am Ende der Treppe befand, welche ins Dach des Hauses mündete, wußte Kyeel nicht. Kahri ging meist nur allein dort hinauf und auch die Bediensteten der Teestube schienen den Bereich zu meiden.


    Nach ein paar Augenblicken kehrt sie zurück, eine kleine Umhängetasche über ihrer Schulter. Beide Dolche waren an ihrem Gürtel befestigt, das Haar zurückgekämmt und zum Zopf gebunden. Auch der Mantel fehlte und sie trug ihre schwarze Lederrüstung.


    "Ich hoffe, du bist bewaffnet und trotz deiner Behinderung," sie deutet auf die Augenbinde, "in der Lage zu kämpfen, alles andere wäre in Kephram bei Nacht... gelinde gesagt... grob fahrlässig."

  • "Natürlich bin ich bewaffnet!" bei diesen Worten nimmt er kurz seinen Mantel zur Seite und zeigt die verzierten Griffe seiner beiden Kurzklingen. "Was das Auge angeht..."


    Kyeel greift zu dem Stück Stoff über seinem Auge und schiebt es hoch. Nach einigen Sekunden öffnet er das Auge darunter vorsichtig und langsam. Das Auge ist zwar rot unterlaufen und die Pupille sieht irgendwie milchig aus, aber Kyeel fixiert dennoch Kahri damit ohne Problem. Sein Blick wirkt trotz des lädierten Auges klar und kühl.


    "Solange ich nicht..." er schüttelt den Kopf und winkt ab. Noch war es nicht soweit ein entgültiges Urteil über seine Gesundheit zu fällen. "... es wird kein Problem darstellen. Gib mir nur rechtzeitig Bescheid wenn dir irgendetwas ... ungewöhnliches auffällt."

  • Kahri verengt ihre Augen, als Kyeels Blick sie trifft. In ihren Zügen spiegeln sich ein wenig Neugierde, als auch Ungemach über die Unwissenheit seiner tatsächlichen Situation. Als sich ihre Züge wieder entspannen, nickt sie leicht und wendet sich dann nach draußen ab.

  • Du hast mich gefragt, ob ich wüsste, wie es ist, nicht zu wissen, ob man träumt oder wach ist, so tief versunken in Alpträumen, dass es am Verstand kratzt und rüttelt und man dem Wahnsinn näher ist, als dem klaren Gedanken.

    Keine Antwort. Ich senke nur verhalten meine Lider und lasse dich so wissen, ich könnte nicht verstehen, was du fühlst. Deine Ansicht über meinen Mangel an Empathie, hilft dir deine Rolle, als Gezeichneter eines unwissenden Schicksals weiter zu spielen.


    Ich war dabei, als fünf Gestirne vom Himmel fielen und Welten in Feuer und Sturm aufgelöst wurden. Ich war dort, nackt und zerfleischt von Dämonen, nur mit meinem eigenem Atem bekleidet und konnte nicht hinaus, aus der Hölle Elberoth.


    Ich war dort, als aus Asche und brennendem Stein ein Gott geboren wurde und sein Name war Zeit und als er mich küsste und mir verhieß, dass seine zu sein… lies ich den klaren Gedanken dort und kehrte mit Wahnsinn in einer kleinen Schachtel aus Lehm zurück.



    Der Brief erreichte den Boten noch vor Tagesanbruch und ein Schiff brachte ihn einen Kontinent weiter. Vermutlich hätte es viele Monde gedauert, ehe ich vielleicht gewusst hätte, dass er sein Ziel erreichte und somit Antwort kam. Aber Zeit ist ein relativer Begriff in einer Welt aus Harfe und Schwert.
    Ich wusste nicht, ob das niedergeschriebene Worte nur von meinen Augen berührt worden war oder ob das andere, das meine kleine Welt zum Erschüttern gebracht hatte, nahe genug gewesen war. Ein Teil meines Verstandes verließ sich auf die Unwichtigkeit meiner Rolle, in dem Spiel, dass gerade begonnen hatte sich zu offenbaren, der andere analytische, logische Teil, mahnte mich aufgrund der mit Leichtigkeit überwundenen Bollwerks zur Vorsicht.


    Was immer dort draußen lauerte in der Dunkelheit eines Träumers, es war nicht in meinen Verstand gedrungen, hatte sich nicht meiner Sehnsüchte bemächtigt und Gefühlen bedient, um voran zu kommen. Aber wie hatte Melyanna schon so treffend bemerkt hatte: „Bekommt man das Ziel nicht zu fassen, nimmt man ihm die Umgebung, so dass es sich nicht mehr verstecken kann.“



    Tage später zeugte ein weiteres Haus vom ewigen Verfall des Hafenviertels. Eine notdürftig mit fauligem Ried abgedeckte Unterkunft, nicht viel mehr als eine Scheune mit windschiefer Eingangstüre, auf der sich Moder und Moos einen Durchgang fraßen. Über dem Rundbogen, der Einlass in einen verwilderten Hof bot, baumelte im nasskalten Wind eine zerbeulte kleine Laterne.
    Durch zerbrochene Fenster erahnt man, dass hier früher Leben war, vom Schimmel zersetzte Kissen, zerbrochenes Geschirr, löchrige Vorhänge, gesprenkelt mit Rattenkot.
    Mein Blick wandert hinauf zum Giebel des dahinterliegenden Hauses. Dort hatte ein Leben begonnen und ein anderes war zurückgekehrt. Hier hatte es für wenige Jahre einen Funken Zukunft gegeben, ehe er ausging, beiläufig.


    Ich bin nicht traurig oder wütend, es ist der Lauf der Zeit, nichts ist von Dauer. Zeit weiter zu ziehen.


    Seele kommt mit mir... Seele bleibt dort. Anders ist es nicht möglich, das macht Menschlichkeit aus.