Der singende Wald 4

  • An der Nordstraße, ein paar Minuten Fußmarsch hinter den Toren der Stadt Amonlonde, steht ein Wald.
    Auf den ersten Blick ein Wald wie jeder andere, doch auf den zweiten Blick... Kein Baum wirkt alt, auch wenn sie hoch und stark sind. Es gibt keine abgebrochenen Äste, kein Totholz auf dem Boden, das herabgefallene Laub stammt nur aus dem letzten Winter. Auch keine Baumstümpfe, niemand schlägt hier Holz.
    Wer den verschlungenen Pfaden ins Innere folgt, dorthin, wo bei den rußgeschwärzten Trümmern der steinernen Grundmauern der ehemaligen Arakurer Komturei ein kleiner Teich entstanden ist, und wer dafür empfänglich ist und bereit hinzuhören, der wird im Rauschen des Blattwerks über ihm, in der Bewegung der Äste und Blätter, im Murmeln des Wassers, im Flüstern des Windes mehr hören als nur die Geräusche der Natur.
    "Hörst du...", singen die Bäume -mal deutlicher, mal schläfrig.
    "Hörst du das Rauschen, das Singen der Blätter?
    Silbriges Flüstern der Wipfeln und Höh'n?
    Ahnungsvoll murmelnde, uralte Bäume
    Singende Seele des Waldes der Träume
    Kannst du sie hören, sag, kannst du sie seh'n?"

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

  • Seit gestern steht ein neuer Baum im Wald, nahe des Sees im Zentrum des Geländes der ehemaligen Komturei. Seine Krone überragt die der umstehenden Bäume etwas, wenig verwunderlich, immerhin ist er mit seinen 12 Jahren bereits 5 Jahre älter als der Rest des Waldes, der vor knapp 7 Jahren entstanden ist.
    Wer ihn etwas länger betrachtet könnte den Eindruck gewinnen, daß er möglicherweise versucht, sich unauffällig zu machen. Wie auch immer ein Baum das bewerkstelligen sollte, und es gelingt ihm auch nicht sonderlich gut - nicht nur die Größe läßt ihn aus den darum herum stehenden Gewächsen herausragen, sondern viel mehr noch die Tatsache, daß er leuchtet. Tagsüber läßt sich das mit etwas gutem Willen noch übersehen, doch Nachts strahlt der sanfte Schein weit durch die geraden Stämme und spiegelt sich im See.
    Trotz der offensichtlichen Unterschiede zu seinen Nachbarn fügt er sich harmonisch in die Umgebung ein. Er ist ein Teil des Waldes, ist es immer schon gewesen, auch wenn er vorgestern noch nicht an seinem Platz stand. Die Melodie des Waldes klingt auch in seinen Blättern.
    Parmenion ist gekommen und steht in zwei Metern Abstand vor seinem Stamm. Er steht wie eine Statue, kein Haar, kein Muskel bewegt sich.

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

  • "Du suchst nach einer Verstimmung, nach etwas, dass dir beweist, dass es falsch ist..."


    Tear tritt versetzt hinter Parmenion in einigen Metern Abstand an einem Baum vorbei, auf oder an dem sie eben noch verharrt hatte. Ihre nachdenkliche Stimme war leise, ihr Blick unablässig auf den Baum gerichtet.


    "Aber da ist nichts, rein gar nichts, kein einziger schiefer Ton in der Melodie..."


    Ein stiller Moment ihrerseits vergeht.


    "Ich warte auf diesen Ton, seit dem Augenblick, da ich half ihn zu erschaffen und werde doch enttäuscht... Er ist perfekt geworden."

  • Der Hengst reagiert mit einer leichten Bewegung des Löwenschwanzes, ein Ohr zuckt kurz in ihre Richtung als sie zu sprechen beginnt.
    *er gehört hier hin* stimmt er ihr zu, und es ist schwer zu sagen, ob er irritiert ist oder begeistert. Oder keins von beidem.
    *du suchst einen grund seine erschaffung zu bereuen* jetzt schwingt leichte Belustigung mit. *und du findest keinen?*

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

  • Die Elbe wechselt aus Höflichkeit von Parmenios Kommunikationsebene.


    *Ich habe genügend Gründe.*


    Sie geht ein paar Schritte und der schwere mit elbischen Verzierungen bestickte Mantel schleift ein wenig über den Boden. Dann steht sie in respektvollem Abstand neben der Enität. Ob mit Absicht oder nicht bleibt dahingestellt. Ihr Blick bleibt ernst, sie teilt die Belustigung ihres seitlichen Gegenübers nicht. Nicht einen Augenblick lang.


    *Keiner davon hätte der Bardin das Leben gerettet.*


    Dann sieht sie in die Krone des Baumes hinauf.

  • *ihr leben ist für dich wichtiger als deine prinzipien...* Jetzt wendet er den Kopf und schaut sie an, mit seinen dunklen, uralten Augen. Jemand, der ihn nicht kennt käme nie auf den Gedanken, daß er noch jünger ist als der singende Wald.


    *weißt du wie oft sie versucht war den samen zu pflanzen, seit du ihn ihr gegeben hast?*

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

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  • *Ihr Leben ist manchmal wichtiger, als meine Prinzipien*


    Die violetten Augen verharren weiter im Wipfel des Baumes. Die Korrektur war nicht anklagend, nur eine sachliche Richtigstellung.


    *Spielt es denn eine Rolle, wie oft?*

  • Ein Ohr zuckt nach hinten und er schüttelt die Mähne. Es ist nicht die Anzahl, auf die er hinauswill.
    *ich verstehe ihren zorn nicht*, gibt er zu.
    Ein gespaltener Huf bewegt sich im trockenen Laub, als er das Gewicht leicht verlagert.
    *er auch nicht*
    Der Blick der großen Augen richtet sich wieder auf den Baum.

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

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  • *Es ist auch nicht seine Aufgabe menschliche Charakterzüge zu verstehen. Er ist Hüter dieses Waldes, nicht ihres Herzens*


    Ohne jede Ankündigung und ebenso ohne die ätherische Eleganz elbischer Wesen, lässt sich Tear auf den Boden fallen und zieht die Beine in den Schneidersitz.

    *Sie ist zornig, weil sie Veränderungen nicht mag. Die Tatsache, dass der Wald sie nicht länger braucht und so aus der Mutter "nur" eine Freundin macht, weckt Angst in ihr.*


    In dem Senden schwingt reine Subjektivität mit und nicht die Arroganz eines allumfassenden Wissens zu diesem Thema.

  • Parmenion neigt den großen Kopf leicht auf die Seite, ohne den Blick vom Baum zu nehmen. Eine ganze Weile steht er so.



    *und warum bist du zornig?*

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

  • Ein schwarzgelb gepunkteter Salamander klettert über eine nasse Wurzel neben ihrem Fuss und sie nimmt ihn fast beiläufig auf ihre Hand, hebt diese und schaut den Salamander dann an, als wäre er das einzige Existente an diesem Ort.


    *Ich lasse mich ungerne erpressen.*

  • *Der Tag wird kommen, da sein Bewußtsein erkennt, welchem Zweck seine Schöpfung eigentlich dienlich war und dann werde ich damit leben müssen, was aus dieser Erkenntnis erwächst.*


    Die Elbe entlässt den Salamander wieder, der noch ein paar langsame Schritte tut, ehe er sich ins Dickicht flüchtet.


    Was sie verschweigt ist schlimmer, als die Erkenntnis über den eigentlichen Makel der vor ihr schimmernden Schöpfung.

  • Von ferne sind Stimmen zu vernehmen. Laut und schrill und fröhlich wird ein Lied gesungen. Dann scheint ein Streit loszubrechen. Die Stimmen nähern sich.


    Parmenion legt kurz die Ohren an, schlägt mit dem Löwenschweif. Ein Hinterhuf trifft stampfend auf den Boden. Er wirft Tear einen Blick zu, den man nur als gequält bezeichnen kann, dann dreht sich das große Tier erstaunlich wendig und verschwindet ohne Eile zwischen den Bäumen. Einhörner sind Meister im Nichtbegegnen von Leuten, denen sie nicht begegnen wollen.

    Vergiß nie...
    daß die Erde sich danach sehnt von deinen bloßen Füßen berührt zu werden,
    und daß der Wind es liebt in deinem Haar zu spielen

  • Die Elfe sieht dem Einhorn noch einen Moment nach, dann ist ein leises Seufzen zu vernehmen und sie wendet ihren Blick, reglos verharrend, der Quelle der Lautstärke zu.


    Wenn der Baum funktionierte, so wie es damals in Eldamar war, dann ist außer einer gewissen musikalischen Disharmonie nichts zu befürchten.


    Ich bin gespannt, was nun kommt...

  • Was jetzt kommt ist bunt und spitzohrig und laut.
    Ein großer und ein etwas kleinerer Kobold, angeregt mit hohen Stimmen miteinander diskutieren.
    "Aber das waren meinen Nüsschen!"
    "Ja, waren es."
    "Und jetzt sind sie weg!"
    "Ich wars nicht!"
    "Wer denn sonst?"
    "Was weiß ich?"
    "Also warst dus doch?"
    "Gar nicht!"
    In ihrer Unterhaltung vertieft bemerken die beiden Tear erst als sie fast über die Elbe stolpern.
    "Ach!", macht der größere erstaunt.
    " Was machstn du hier?" fragt der kleinere neugierig.

  • "Ich schätze es wird nicht funktionieren, wenn ich einfach regungslos verharre und mir vorstelle ich bin unsichtbar, so dass ihr einfach weitergeht?"


    Tear murmelt leise und die Frage war eher rethorischer Natur, als denn um eine wirkliche Antwort bemüht.


    "Ich bin auf dem Weg ... zu.... von hier weg! Namaarie!"


    und noch während sie die letzten Worte formuliert, wendet die Elbe, um sich in Richtung... irgendwo anders hin aufzumachen.

  • Verblüfft schauen die beiden ihr nach.
    "Ja... aber..."
    Doch sie lassen die Elbe ziehen. Statt ihr nachzugehen setzen sie sich gemütlich neben den Baum und nehmen ihre Unterhaltung wieder auf.
    Nach einer Weile könnte ein Beobachter den Eindruck gewinnen, dass der Baum sich weniger Mühe gibt unauffällig zu wirken. Neben zwei bunten krakehlenden Kobolden gelingt es vielleicht sogar einem leuchtenden hoch magischen Konstrukt ein wenig in den Hintergrund zu treten.

  • Tear lässt die Szenerie hinter sich, ohne auch nur ein einziges Mal zurück zu sehen. Dennoch verlässt sie den singenden Wald nicht, nimmt nur Abstand von der Quelle ihres Zerwürfnisses. Letztlich bringen sie ihre Schritte an eine andere tiefe Stelle des singenden Waldes. Oberhalb eines von Moos und Büschen bewachsenes Felsens .